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Mathias Kneißl wurde im Dachauer Hinterland, in Unterweikertshofen, Bezirk Dachau, Oberbayern geboren und verbrachte in dieser Gegend den überwiegenden Teil seines Lebens. (sowie in Teilen des Bezirkes Bruck und Aichach)

Hier soll ein Einblick über die Verhältnisse im Bezirk Dachau zur Lebenszeit des Mathias Kneißl, dem ausgehenden 19.Jahrhundert gegeben werden. Hier ist natürlich nur ein kleiner Umriss möglich.


1. Der Bezirk Dachau

Ein damaliger Bezirk entspricht in etwa einem heutigen Landkreis und das zuständige Bezirksamt einem Landratsamt. Dem Landrat in etwa gleich zu setzten ist der Bezirksamtmann. Ein entscheidender Unterschied zum Landrat unserer Zeit besteht darin, dass der Bezirksamtmann nicht demokratisch gewählt, sondern vom Staat eingesetzt wurde um dessen Interessen zu vertreten und somit nicht unbedingt die der Bürger. Zu Mathias Kneißls Zeiten, waren dies, bis 1890, Bezirksamtmann Wiedenhofer und darauf folgend bis 1901 der Kgl. Regierungsrat, Bezirksamtmann Heinrich Flasser.

Bis 1862 vereinten die so genannten Landgerichte Verwaltung und Gerichtsbarkeit in einem. Mit dem Gerichtsverfassungsgesetz von 1862 wurde beides getrennt. Für die Verwaltung des Bezirkes wurden die Bezirksämter und für die Gerichtsbarkeit die Königlich Bayerischen Amtsgerichte geschaffen und Amtsrichter eingesetzt.

Am 01.07.1862 nahm das neu gegründete Bezirksamt seinen Dienst auf. Das Bezirksamtsgebäude stand in der Augsburger Str. 1 und diente schon seit dem 17. Jahrhundert den Landrichtern als Amtssitz.

Ansichtskarte des Amtsgerichts Dachau (4)
Die Amtsgerichts-Grenzen sind mit den Bezirksgrenzen identisch.



Der Bezirk Dachau lag nördlich von München. An ihn grenzten die Bezirke:

- Fürstenfeldbruck im Südwesten (heutiger Landkreis Fürstenfeldbruck)
- Friedberg im Westen (heutiger Landkreis Aichach-Friedberg)
- Aichach im Nordwesten (heutiger Landkreis Aichach-Friedberg)
- Schrobenhausen und Pfaffenhofen im Norden (heutige Landkreise Pfaffenhofen a. d. Ilm
   und Neuburg-Schrobenhausen)
- sowie Freising im Osten (heutiger Landkreis Freising)


2. Topographie

Die Landschaft an der untere Amper und ihrem Nebenflüsschen, der Glon, zeigt südwärts den Charakter der Fläche mit geringen breitwelligen Erhebungen, die gegen Westen etwas bemerkbarer werde, und nördlich sodann in leichtes Hügeland übergehen. In der Region der ersteren liegen die großen Moose, die zwischen Lech und Isar sich ausbreiten mit den seichten Thalzügen der Maisach und Würm und dem großen Ampermoose bei Dachau. Die Gegend an der Glon ist die gehobenere, mit größerem Wechsel und besserem Boden.Im Ganzen ist der Grund hier keiner der guten und sehr ungleich; dier Landschaft gibt ein sehr einfache, selbst einförmiges Bild; dem man jedoch bei Einwirken des Licht- und Schattenwechsels unter dem weiten Horizont seine stillen, elegischen Reize nich absprechen kann.
In dem flächeren Theilen der Landschaft finden sich nur geschossene, gerade nicht große Dörfer, im unebenerem auch Weiler, und Einzelhöfe, jedoch nicht zahlreich. Den Ortschaften fehlt ein gefälliges, sauberes Aussehen, im Glonland und westlich der Amper gewinnen sie an Solidität der Bauart und Kennzeichen des Wohlstandes. Sehr viele dieser Dorfschaften sind unverkennbar von hohem Alter.(7)

Aus „Bavaria“ Land und Leute im 19. Jahrhundert (1846-1851) von Joseph Friedrich Leutner (9)


Der Bezirk um Dachau umfasst zwei völlig verschiedene Landschaftsbilder. Zum einen die nacheiszeitliche Schotterebene um München: das Dachauer Moos. Dieses Gebiet zog wegen seiner üppigen und urtümlichen Vegitation, die münchener Freilichtmaler und Schriftsteller der Jahrhundertwende an, was Dachau neben Worpswede zur bedeutendsten Künstlerkolonie (siehe 1.2.9 Künstlerkolonie) werden ließ. Die „Moosbauern“ konnte das Land jedoch kaum ernähren und ermöglichte ihnen nur ein Leben in ärmlichsten Verhältnissen.

Das fruchtbare tertiäre Hügelland, das „Dachauer Hinterland“ bot mit kleinflächig gegliederten Äckern, Wiesen, Weiden und Wälder, durchzogen von zahlreichen Wasserläufen zahlreichen Menschen in der Landwirtschaft Arbeit und Brot (2)

Der Dachauer Bauer rühmt mit stolz seine Böden die ihm mit schwerem Getreide Mühe und Arbeit segnen. Mit Neid blicken die Angrenzer der Münchner Schotterebene, die Steinbeißer – wie man sie gerne nennt – auf die fruchtbare Scholle unseres Hügellandes.

Josef Scheidl, Dachau Wanderungen im altbayerischen Bauernland, München 1926, 2. Auflage (12)



3. Bevölkerung

Ende des 19. Jahrhunderts stellte der Bezirk Dachau ein weitgehend auf Landwirtschaft orientiertes Gebiet dar. 1895 waren 60% der Bewohner als Bauern, Angehörige oder Bedienstete von der Landwirtschaft abhängig davon waren 22,5% Gütler und Tagelöhner unter zwei Hektar Grundbesitz.

Einteilung der Landwirtschaftlichen Betriebe nach der Steuerlast

1. Bauer /Meier....................................100%
2. Huber / Hube.....................................50%
3. Gütler................................................25%
4. Kleinhäusler, Taglöhner.....................12,5%


Im Jahr 1893 wurden 84% der 36.807 ha Bezirksfläche landwirtschaftlich genutzt. (2)

Der damalige Markt Dachau (heute Große Kreisstadt Dachau) war zu dieser Zeit auch bäuerlich geprägt. Zum Markt gehörten Bauernhöfe, Handwerksbetriebe, sowie eine dünne Schicht höherer Beamter, Rechtsanwälte, Ärzte und sonstige Bürger.

Im Markt Dachau entstand 1860 mit dem Bau der MD-Papierfabrik der erste große Industriebetrieb und Arbeitgeber für Industriearbeiter. Der Großteil der Arbeiter rekrutierte sich dabei aus der bäuerlichen Schicht, überwiegend aus den nicht erbberechtigten Bauernsöhnen. Zur Erläuterung: Hatte z. B ein Bauer mehrere Söhne, so erbte nach hiesigem Erbrecht nur einer, in der Regel der Älteste, alles. Die restlichen Geschwister gingen komplett leer aus. Sie hatten auch kein so genanntes „Heimatrecht“ und somit auch kein Bleiberecht. Dieses Heimatrecht musste man sich erkaufen. Da dieses Geld in der Regel fehlte, blieb diesen Personen meinst nur das Los des auf dem Hof geduldeten Knechtes oder Magd. Ohne Heimatrecht konnte man weder Heiraten, noch konnte man ein Handwerk ausüben. Kinder die aus dieser Schicht entstanden, waren alle unehelich und wurden in Büchern als „ilegitimata“ geführt. Was dazu führte, dass es im Bezirk Dachau um 1870 mehr uneheliche als eheliche Kinder gab.

In den Jahren zwischen 1876 und 1905 verzeichnete der Bezirk Dachau ein Bevölkerungswachstum von 35%. Dies überwiegend im Markt Dachau. Dieser Zuwachs ist jedoch nicht auf Geburten sondern auf den Zuzug von Arbeitern unter anderem durch die MD-Papierfabrik zurückzuführen.

Unterweikertshofen der Geburtsort Mathias Kneißls hatte 1905 noch unter 500 Einwohner
(Wachstum hier 8%) (2)

Einwohnerzahlen des Bezirkes Dachau (2)

1871.......................20.260
1880.......................22.300
1890.......................24.674
1900.......................25.982



4. Auswanderung

Überwiegendes Auswanderungsziel, auch der Dachauer, war Amerika. Im Vergleich zu anderen Bezirken waren die Zahlen jedoch relativ gering. 1876 wurden 18 Auswanderungen aus dem Bezirk Dachau verzeichnet. Zum Vergleich, im gleichen Jahr wanderten im Bezirk Regen im Bayerischen Wald 711 Menschen aus.


5. Gesundheitswesen

Die medizinische Versorgung der Bevölkerung wurde im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts ständig verbessert. Im Bezirk Dachau standen ende des 19. Jahrhunderts bereits 2 Krankenhäuser in Dachau (1861 Umbau des Armenhauses in ein Krankenhaus –1889 Einweihung des Neubau) sowie in Indersdorf (seit 1868) mit insgesamt 80 Betten zur Verfügung. Jedoch wurden beispielsweise von den 915 im Jahre 1874 Verstorben lediglich 47,9% (oberbayerischer Durchschnitt: 66%) ärztlich behandelt. Bei ungefährlicheren Verletzungen lag die Quote noch erheblich niedriger.
Wenn die eigenen Behandlungsmethoden nicht mehr ausreichte wandte man sich zunächst an einen Krankenheiler in der Bekanntschaft. Erst wenn dessen „Heilkunst“ nicht mehr ausreichte erwogen es die Leute einen staatlich approbierten Arzt aufzusuchen.

Zu Beginn des letztes Drittel des 19. Jahrhundert stellte besonders die Säuglingssterblichkeit im Bezirk Dachau ein großes Problem dar. Knapp jeder 2. Säugling (ca. 44 %) starb: (2)

1863/64...........44,8% (oberbayerischer Durchschnitt 42%)
1868/69...........43,9%
1885................40,2% (davon 17% im 1. Monat)
1886-1900.......37,2%


Geburten im Bezirk Dachau (2)

1874......................1.130   Geburten  =  56,5 auf 1000 Einwohner
1881......................1.098   Geburten  =  49,9 auf 1000 Einwohner
1884......................1.208   Geburten  =  51,4 auf 1000 Einwohner
1888......................1.180   Geburten  =  49,1 auf 1000 Einwohner
1898......................1.165   Geburten  =  46,6 auf 1000 Einwohner
1903......................1.250   Geburten  =  44,6 auf 1000 Einwohner


Sterbestatistik des Bezirks Dachau von 1874 (2)

Von den insgesamt 915 Gestorbenen des Jahres 1874 starben an
-Säuglingserkrankungen (Lebensschwäche, Durchfall, Fraisen)           
240
-Magen- und Darmentzündungen 126
-Scharlach 50
-Bronchitis 40
-Altersschwäche 32
-Gehirnschlag 31
-Croup und Diphterie 28
-Lungentuberculose 23
-Typhus 17
-Herzkrankheiten 14
-Magenkrebs 10
-Masern 1


Die ärztliche und pharmazeutische Versorgung des Bezirkes Dachau war zum Ende des 19. Jahrhunderts dünn aber vorhanden. Überlieferte Bezirksärzte für den betreffenden Zeitraum waren von 1859 – 1880 Dr. Hermann Fischer und von 1882 – 1902 Dr. Heinrich Engert als erster mit Automobil.

Als weitere Einrichtungen des Gesundheitswesens im Bezirk Dachau um die Jahrhundertwende existierten das

„Heilbad Mariabrunn“

-1661 entdeckte der Ampermochinger Bauer Stephan Scharböck eine heiltätige Quelle.
-1790 Ausbau zu einem bescheidenen Heilbad durch den Münchner Medizinalrat und Leibarzt Nepomuk Leuthner
-baldiger Rückgang der Besucherfrequenz
-Ab 13.Februar 1863 wirkte die aus Deisenhofen zugereiste Kurpfuscherin und Wunderheilerin Amalie Hohenester in Mariabrunn als rabiate „Doktorbäuerin“ mit obskurer Medizin und einfachen Kräuteressenzen.
-Mariabrunn erfreute sich zunehmender Beliebtheit. Dies belegt der folgende Auszug aus einem Schreiben des Bezirksamtes Dachau an das königliche Ministerium des Innern bezüglich der Zustände in Mariabrunn: „Ganze Züge von Hilfesuchenden aller Stände finden sich in Mariabrunn ein, jegliche Strafeinschreitung hat ihre Zahl nur erhöht. Die Stimmung der umliegenden Ärzteschaft ist äußerst trübe. Das Innenministerium möge dringendst über außerordentliche Maßnahmen entscheiden...“
-1870 bis 1877 Höhepunkt des Kurbetriebes. Besucher kamen aus Frankreich, England, Schweden, Amerika, Russland und Persien sowie zahlreiche Vertreter des europäischen Hochadels
-Nach dem Tod der Amalie Hohenester am 24. März 1877 endete der Spuk genauso schnell wie er begonnen hat.
-Heute befindet sich in Mariabrunn eine Gaststätte und einer der schönsten Biergärten um München


sowie, als seriöse Einrichtung der Gesundheitspflege, das


„Dachauer Moorbad“

-1878 als kleines Bad vom Dachauer Bürger Andreas Deger auf Anraten seines Onkels, dem Münchner Homöopathen Dr. Trettenbacher am Dachauer Ascherbach errichtet um die Heilkräfte des Moorwassers zu nutzen.
-1885 Anstellung des ersten Badearztes – Dr. Vogel
-Im Ersten Weltkrieg wurde das Bad als Genesungsheim für 35 Kriegsteilnehmer genutzt


6. Religion und Kirche

Die Menschen des Bezirkes Dachau waren fast ausschließlich Katholiken. Sowohl bei der Volkszählung 1867 als auch 1895 gaben 96 % der Bewohner als Konfession katholisch an.

Die restlichen 4 % setzten sich wie folgt zusammen.

1867: 193 Lutheraner, 41 Mennoniten, 1 Jude
1895: 264 Protestanten, 85 Mennoniten, 6 Juden (2)


7. Politik

Das Wirken des Mathias Kneißl lag in der Prinzregenten Zeit, der so genannten „Guten alten Zeit“. Ein Prinzregent war ein Stellvertreter für den eigentlichen Monarchen, welcher seiner Regierungsverpflichtung aus welchen Gründen auch immer, nicht nachkommen konnte.

Nachdem sein Neffe, König Ludwig II., am 9. Juni 1886 entmündigt worden war, regierte Luitpold Karl Joseph Wilhelm von Bayern, *12.03.1821 in Würzburg, zunächst für Ludwig II., nach dessen Tod für seinen geisteskranken Neffen Otto I. (Bruder Ludwigs II.) als Prinzregent und zählt damit zur Königslinie des Hauses der Wittelsbacher. Die eigentliche Herrschaft lag dabei jedoch bei seinen Ministern.
Er war Prinzregent vom 10. Juni 1886 bis zu seinem Tod am 12.12.1912 in München (10)


1868 bildete sich in Bayern die „Bayerische Patriotenpartei“, aus welcher später das katholische „Zentrum“ entstand, welche bis Anfang der neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts die herrschende politische Kraft in Dachau darstellte. Sie entstand aus einer Bewegung innerhalb der katholisch-konservativen Landbevölkerung, des Kleinbürgertum, des katholischen Klerus und Adels. Sie stimmte in den meisten Fragen mit der katholischen Zentrumsfraktion im Reichstag überein

1893 hob Reichskanzler von Caprivi die Schutzzölle auf, die den Absatz deutscher landwirtschaftlicher Produkte gegen die Konkurrenz billiger Importe schützte.
Das war ein Vorteil für die Industrie. Für die bayerischen Bauern mit ihren kleinräumigen Anwesen war es jedoch von erheblichem Nachteil. Der Absatz und die Getreidepreise sanken, da der Markt von amerikanischem Billigweizen überschwemmt wurde.
Gleichzeitig stiegen die Ausgabe der Bauern da sie aufgrund der Sozialgesetzgebung von Bismarck Sozialabgaben für das Gesinde zahlen mussten.

Not machte sich breit und die Wut auf die Obrigkeit stieg. Auch das Katholische Zentrum, die traditionelle politische Vertretung der Bauern, verlor an Glaubwürdigkeit weil es Caprivis Handelspläne unterstützte. Damit wurde der Grundstein für eine eigen Partei der Bauer gelegt den „Bayerischen Bauernbund“.

In dieser Zeit stellte der Bezirk Dachau ein weitgehend auf Landwirtschaft orientiertes Gebiet dar. Somit verwundert es nicht, dass der Bezirk Dachau eine Hochburg des Bauernbundes wurde und bei den Urwahlen zur Abgeordneten-Kammer (heutiger Landtag) dem Zentrum in einer Reihe von Ortschaften die Wahlmänner abnahm. Was ein deutliches Zeichen für die Unzufriedenheit war.

Jenseits aller parteipolitischer Konkurrenzen war die Königstreue im Bezirk Dachau tief verankert. Jedes Geburtstags- Namenstags- und Thronbesteigungsfest des bayerischen Königs Ludwig II. wurde nicht nur im Markt Dachau mit Gottesdiensten, Böllersalven und Proklamationen gefeiert, sondern auch in den Dörfern des Bezirkes. (2)


8. Bildung und Schule

Ab ca. 1883 hatten die Geistlichen/Pfarrer wieder mehr Einfluß an den Schulen in Bayern, denn die fortschrittlichen Simultanschulen (Unterrichtung von Schüler aller Konfessionen gemeinsam) wurden wieder in Konfessionsschulen (Unterrichtung von Schüler einer Konfession) umgewandelt. Dies spielte jedoch im Bezirk Dachau aufgrund des hohen Katholikenanteil von 96 % (siehe hierzu 1.2.6 Religion und Kirche) nahezu keine Rolle.

Seit 1802 bestand in Bayern die Pflicht zum sechsjährigen Besuch der Trivial- später Volksschule. Ab 1856 waren es 7 Jahre Schulpflicht. Nach deren Beendigung musste noch drei Jahre lang die Sonntagsschule besucht werden. Dabei mussten die Schüler am Sonntag nach dem Gottesdienst noch 2 – 3 Stunden an einem Unterricht teilnehmen. Die Pflicht zum Besuch der Sonntagsschule konnte vom Pfarrer bei Bedarf auf vier Jahre erweitert werden.


9. Künstlerkolonie Dachau

Ende des 19. Jahrhunderts erlebte die Landschaftsmalerei in Deutschland einen beachtlichen Aufschwung. Die Künstler zog es aus den Städten aufs Land. Dort wiederum In landschaftlich besonders exponierte Gebiete. Dabei bildeten sich die zwei bedeutenden Künstlerkolonien in Deutschland heraus. Das „Teufelsmoor“ bei Worpswede in Norddeutschland, sowie in Dachau das „Dachauer Moos“. In Dachau wirkten in der Zeit um die Jahrhundertwende bis zum 1. Weltkrieg u. a. Künstler wie: Fritz von Uhde, Lovis Corinth, Max Liebermann, Ludwig von Herterich, Adolf Hölzel, Ludwig Dill, Arthur Langhammer, Ignatius Taschner, Hermann Stockmann und Carl Thiemann. Dies sind nur die bekanntesten Vertreter. Auch Schriftsteller gesellten sich zu den Malern unter ihnen z. B. Fritz Scholl, Paul Grabein Eugen Mondt (2) und am wohl bekanntesten

Ludwig Thoma, welcher zwar nur knapp 2 ½ Jahre (1894 – 1897) in Dachau blieb und dabei als Doktor der Rechte und Advokat in Dachau eine Anwaltskanzlei unterhielt, jedoch dem Bezirk Dachau dahingehend verbunden blieb, dass er bis zu seinem Tod in Unterweikertshofen eine 22.000 Tagwerk umfassende Jagd unterhielt.


10. Öffentliche Sicherheit (2)

Der „Amper-Bote“ berichtet im laufe des Jahres 1877 im Bezirk Dachau von:

-143 Raufereien, teilweise mit Messer und Schusswaffengebrauch; 3 davon endeten mit Totschlag
-67 Fälle von schwerem Diebstahl
-4 Vergewaltigungen
-2 Raubüberfälle
-1 Mord


Der Jahresbericht der Dachauer Gendarmerie sprach von einem guten Sicherheitszustand im Bezirk Dachau.

Die Gendarmerie-Station in Dachau war durchschnittlich mit drei Beamten besetzt. Außenstellen wurden teilweise in Indersdorf, Odelzhausen und Heimhausen unterhalten.

Aus einer Statistik von 1880 geht hervor, dass die häufigste Gruppe der Verurteilten die der männlichen Dienstboten aus der Landwirtschaft (32%), die sich hauptsächlich durch Körperverletzungen bei Raufereien hervortaten, wo sie zu 77 % beteiligt waren. Knapp danch folgten Taglöhner, Gütler, Gesellen und Soldaten mit 31%, gefolgt von den Handwerkern 16% und den Minderjährigen mit 8%. Die Gruppe der Bauern und Wirte war mit 6% verteten, ebenso wie die Gesamtquote der verurteilten Frauen. Die restlichen 3 Prozent verteilen sich auf sonstige Personen. (2)

Die Kriminalitätsrate dürfte insgesamt der vom restlichen Bayern entsprochen haben. Die besondere Rauflust der dachauer Knechte und Bauernburschen war aber zu jener Zeit über die Grenzen des Bezirkes hinaus bekannt.

„Am vergangenen Sonntag abend fand in der Endter’schen Wirtschaft zu Bergkirchen eine größere Rauferei statt, wobei Bürgermeister Märkl von dort, als er Ruhe stiften wollte, mit einem Revolver durch den rechten Oberschenkel geschossen und schwer verletzt wurde. Sämtliche Fenster des Wirtshauses wurden eingeworfen und geberdeten sich einige junge Bürschchen wie wild, indem sie mit scharfgeladenen Revolvern und gezückten Messern die anwesenden Gäste bedrohten...

Auszug aus einem Polizeibericht über den Abend des 12. August 1890 (2)



11. Verkehr

Die gängigsten Fortbewegungsmittel für die Bewohner des Bezirkes Dachau im 19. Jahrhundert war der Fußmarsch oder der Pferdewagen, im Winter der Pferdeschlitten. Es war gängige Praxis, auch weite Wege, über mehrere Stunden, zu Fuß zurückzulegen.

1867 wurde die Eisenbahnstrecke München – Ingolstadt eröffnet. Der Bezirk Dachau erhielt mit Dachau, Röhrmoos und Petershausen drei Haltestellen. Es gab aber durchaus Stimmen gegen einen Bahnhof in Dachau. So fürchteten die Fuhrunternehmer, dass ihnen durch einen Bahnhof in Dachau Aufträge verloren gingen. Dem wurde Rechnung getragen, indem der Bahnhof relativ weit vom Marktzentrum entfernt errichtet wurde. Somit blieb den Fuhrleuten der Transport von und zum Bahnhof.

Ende des 19. Jahrhundert trat das Fahrrad auch im Bezirk Dachau seinen Siegeszug als Verkehrsmittel an. Der „Amper-Bote“ schrieb 1898 dazu:

Das Reichsversicherungsamt hat eine interessante Entscheidung gefällt: das Fahrrad wird demnach nicht mehr als Gegenstand des Sportes angesehen, sondern stellt ein Verkehrsmittel dar!

Amper-Bote vom 19.03.1898, Jg. 26 (13)


Das erste Automobil, einen Daimler’schen Motorwagen, steuerte der Ingenieur Oskar von Miller 1889 nach Dachau. Er kam aus München und besichtigte in Dachau die Papierfabrik und das Elektrizitätswerk

Dem Bezirksarzt Dr. Engert (praktizierte 1882 – 1902) wird das erste Automobil in Dachau zugeschrieben.


12. Technische Entwicklung

Elektrizität: Die Papierfabrik erhielt bereits Anfang der 80er Jahre eine Stromversorgung.
Die Elektrifizierung des Marktes Dachau kam jedoch erst 1894 in ein ernsthaftes Stadium.

Telefon: Den ersten Telefonanschluß des Bezirkes erhielt 1885 ebenfalls die Papierfabrik. Erst ab 1896 wurde eine weitere Versorgung des Marktes in Erwägung gezogen. Es meldeten sich 11 Interessenten. (2)


13. Pressewesen- und Verlagswesen, Information

Als erste Dachauer Zeitung erschien 1872 der „Amper-Bote.



Ab 1891 kam der in Indersdorf erscheinende „Glonntal-Bote“ sowie ab 1898 das „Dachauer Volksblatt“ hinzu.

Diese Zeitungen erschienen in der Regel zwei mal pro Woche. Sie hatten lediglich einen Umfang von 2 – 4 Seiten und kosteten je Ausgabe 5 Pfennig.

Der Absatz dieser Zeitungen dürfte allerdings nicht sehr groß gewesen sein. (2)

Mit Lesen und Schreiben gaben sich die meisten nach der Feiertagsschule nicht mehr ab; sie hatten keine Zeit dafür. Und wer ein übriges tun wollte nahm den „Monika“ oder den „Regensburger Marienkalender“ vom Nagel herunter, wenn es im Winter einen langen Feierabend gab. Hier und dort war wohl ein angesehener Mann im Dorfe, dem der Postpote eine Zeitung ins Haus brachte. Das wussten dann alle in der Gegend und sahen es für etwas besonderes an.

Ludwig Thoma über die Dachauer Landbewohner (Thoma Bd.IV, S. 210)


Das gemeine Volk holte sich seine Neuigkeiten und Informationen in der Regel im Wirtshaus oder nach dem Kirchgang.


14. Währung

Bis ca. 1870 war die Währung in Bayern Gulden (FL) . Anschließend wurde die Reichsmark eingeführt






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Quellenverzeichnis

(1) Martin A. Klaus - Der Räuber Kneißl – Leben, Tod und Erhöhung des Schachermüller-Hiasl – Ein bayerischer Sündenfall, Buchendorfer Verlag München, 2000
(2) Norbert Göttler - Die Sozialgeschichte des Bezirkes Dachau 1870 bis 1920, Neue Schriftenreihe des Stadtarchivs München, 1988
(3) Staatsarchiv München
(4) Stadtarchiv Dachau
(5) Fahndungsakt FHVR FFB
(6) Gemeinde Erdweg
(7) Festnahmebericht Sicherheitskommissär Josef Bossert
(8) Festnahmebericht Hauptmann Seufferheld
(9) Bavaria, Land und Leute im 19. Jahrhundert, Joseph Friedrich Lentner
(10) Wikipedia
(11) http://www.vg-odelzhausen.de/sulzem/agenda/geschichtesulzemoos/bauten/ schachenmuehle.htm
(12) Josef Scheidl, Dachau Wanderungen im altbayerischen Bauernland, München 1926, 2. Auflage
(13) Amperbote, Dachau